Den Schatz im anderen entdecken
Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor… Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund. Lk 6,44f
Sehr schön, ja wunderbar. Aber leider, sind wir oft blind und taub für das Gute, das im anderen verborgen liegt. Wie kann ich das Wertvolle – den Schatz – bei meinem Gegenüber entdecken?
Da braucht´s Gefühl und Aufmerksamkeit. Vor einigen Jahren hat unser damaliger Kaplan Hubert Schröcker, das Entdecken der Süßigkeit beim anderen mit dem gekonnten Krapfenessen verglichen – eine geniale Idee. Manche erinnern sich vielleicht noch? 😊
Ich habe eine andere Hilfe gefunden, um dem Schatz im anderen näher zu kommen. Man nehme dieses Holz und halte es sich für ein Auge. Achtung, das ist nicht der Balken im eigenen Auge, von dem Jesus heute in seiner Predigt spricht – ganz im Gegenteil. Dieses Holz ist gut präpariert und gewährt besondere Einblicke, ja Umblicke. Es hat zwei Löcher, die zu einander im Winkel von 90 Grad stehen und innen liegt ein Spiegel quer. Ich kann mit diesem „Umsicht“ um die Ecke schauen. Ich kann mit dieser Sehhilfe wirklich umsichtig werden.
Damit ich den Schatz im anderen finde, richte ich zuerst das Loch des Umsichtgerätes nach unten. Dann sehe ich meine eigenen Füße, den Boden, auf dem ich stehe. Bevor ich den anderen wahrnehme und schätzen kann, ist es zuerst gut zu schauen: Mit welchem Fuß bin ich heute aufgestanden? Wie bin ich heute da? Was ist meine innere seelische Verfassung? Da heben sich dann schon manche innere Nebel und Trübungen.
Dann drehe ich das Ausblickloch der „Umsicht“ um 90 Grad nach links und dann auch nach rechts. Ich nehme wahr, was mich heute umgibt, wer heute noch alles da ist, was mir von links und rechts entgegenkommt und auf mein Sehvermögen einwirkt oder mir vielleicht den Weitblick einengen kann.
Und dann drehe ich den Ausblick nach oben und betrachte den Himmel über mir, die Großwetterlage und meine Verbundenheit mit all dem, was mich übersteigt und größer ist als ich.
Diese Blicke nach unten, links und rechts und nach oben helfen mir, die Splitter und Balken aus dem eigenem Sehvermögen zu räumen und die Früchte bei den anderen zu entdecken. Freie, vorurteilslose Sicht auf meine Mitmenschen ist Übungssache. Dazu will uns Jesus heute ermutigen. Es warten Schätze auf uns, die auf den ersten schnellen Blick nicht erkennbar sind.
Manchmal braucht es aber auch noch ein bisschen mehr Anstrengung, echtes Suchen, wenn sich die Großwetterlage z.B. durch eine Auseinandersetzung stark verdunkelt hat. Da hilft vielleicht auch Kreativität und Humor. Dazu folgende Beispielgeschichte:
Ein älteres Ehepaar war leider nicht beim Gottesdienst für alle Liebenden und hatte sich gestritten. Die Großmutti war so wütend, dass sie mit ihrem Ehemann nichts mehr redete.
Am nächsten Tag hatte Großvater den Streit schon längst vergessen und wunderte sich, dass die Großmutti ihn ständig übersah und den Mund nicht mehr aufmachte. Großvater konnte sagen und tun, was er wollte, aber ihr Schweigen, konnte er nicht brechen.
Da hatte er eine Idee: Er begann, die Küchenschränke, und Kästen zu öffnen, alle Laden aufzumachen und herumzuwühlen. Schon nach ein paar Minuten konnte sich die Großmutti nicht mehr zurückhalten und fragte ärgerlich: „Was um Himmels willen suchst du denn?“
„Gott sei Dank, ich habe es gerade gefunden“, sagte Großvater: „Ich habe deine Stimme gesucht.“
Wovon das Herz überfließt, davon spricht der Mund.
Lk 6, 45
Also, nie aufgeben, umsichtig werden und kreativ suchen, dann liegen die Schätze meiner Mitmenschen offen vor mir ausgebreitet. Halleluja!