Liebt Eure Feinde?
“Euch, die ihr zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! 28 Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen!” Krasse Forderungen, die Jesus da an uns stellt, an jene, die ihm zuhören. Wir sind nicht die ersten Adressat*innen dieser Rede, doch gilt der Text auch uns, die wir heute zugehört haben. Als Christ*innen sollten wir Expert*innen sein in Sachen Liebe: Selbstliebe, Nächstenliebe, Fremdenliebe, Gottesliebe. Und jetzt auch noch Feindesliebe? Und geht es Ihnen nicht auch so, dass Sie in Ihrem Alltag all das schon erlebt haben und sich besonders beschenkt gefühlt haben, wenn es Ihnen gelungen ist, eine*n Ihrer Feind*innen zu lieben – wie immer das auch konkret ausgesehen hat?
Dennoch fordert mich dieser Text zurzeit enorm heraus. Krieg vor unserer Haustür, unmenschliche Gräueltaten in Israel, Terror, Gewalt und dann Villach: Ein Aslywerber tötet einen Jugendlichen, und auch das geschieht in unmittelbarer Nähe zu uns. Liebt Eure Feinde? Ich habe mich in einem Wechselbad von Gefühlen wiedergefunden: Schock, Trauer, Fassungslosigkeit dem Geschehen gegenüber und Wut auf den Täter. Liebt Eure Feinde? Für mich habe ich noch keine Antwort gefunden, wie mir das gelingen kann. Wenn solche Dinge geschehen, wenn es nicht um abstrakte Gedankenspiele geht, dann zeigt sich die Herausforderung christlichen Lebens. Der Grat ist unglaublich schmal: Schaffe ich es ehrlichen Herzens für diesen Menschen zu beten, ihm Gutes zu wünschen, ohne dass es gleichzeitig zynisch ist gegenüber allen Opfern von Terror und Gewalt?
Alle Herausforderungen, Probleme und Schwierigkeiten, mit denen wir uns konfrontiert sehen, können wir als Menschen wohl nur zu lösen beginnen, wenn wir klein anfangen. Es wird uns auch nur gelingen, wenn wir gemeinsam daran arbeiten, wenn wir in Begegnung und ins Gespräch kommen. Es braucht dazu die Bereitschaft, wirklich aktiv zuzuhören und meinem Gegenüber nicht sofort meine Argumente um die Ohren zu werfen. Unsere Welt ist dermaßen komplex geworden, dass es immer schwieriger wird, einander zu verstehen. Menschen leben in Blasen, egal ob im analogen oder digitalen Leben, wir umgeben uns automatisch mit Gleichgesinnten, aber gerade dort, wo wir nicht ausweichen können, sind wir gefordert. Ein christliches Menschen- und Gottesbild macht unsere Welt nicht von heute auf morgen zu einem besseren Ort, aber es ist ein Anfang.
Ein großartiges Beispiel dafür, welche Bedeutung eine stabile Beziehung zu Gott hat, haben wir heute in der Lesung gesehen: David hätte Saul ohne Weiteres töten können, doch er hat sich dagegen entschieden und somit wahre Stärke gezeigt. Männliche Machtspiele, die einer der beiden beendet hat, zumindest für’s Erste.
Als Menschen haben wir immer die Wahl, wie wir uns verhalten, wie wir auf andere zugehen, wie und ob wir uns einlassen auf die fremde Welt – egal ob es die des Nächsten oder des Feindes/der Feindin ist. Nicht nur wir sind da gefragt und gefordert, sondern auch die Politik und die Medien. Welche Hilfestellungen gibt es für Geflüchtete, die teilweise schwer traumatisiert sind? Wollen wir tatsächlich gelungene Integration oder hoffen wir, dass sich das Problem irgendwie von selbst lösen wird? Lassen wir uns einschüchtern und leben in Angst, weil gewisse Politiker*innen uns das einreden, um Menschen auf ihre Seite zu ziehen und Wahlen zu gewinnen? Wie können wir jungen Menschen einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien beibringen und leben wir das so vor? Hasskommentare, Erniedrigung und persönliche Angriffe auf den sozialen Medien haben schon vielen jungen Menschen das Leben gekostet.
Doch bei uns, die wir auf Jesus hören, die wir daran glauben, dass das Wort Gottes unser Leben und unsere Welt verändern kann, soll es anders sein. Auf Jesu Spuren unterwegs zu sein, kann uns fordern, aber wenn wir uns darauf einlassen, erfahren wir immer neu, dass Gott da ist und uns Kraft schenkt und dass sie uns trägt, wenn wir selbst nicht mehr weiterkommen. Amen.