Abbild und Ebenbild Gottes
Als Cura (die Sorge) einmal an einem Fluss entlang ging, sah sie tonhaltigen Schlamm. Sie nahm diese Erde und begann daraus gedankenverloren einen Menschen zu formen. Während sie darüber nachdachte, was sie da jetzt geformt hatte, kam Jupiter vorbei. Cura bat ihn, dass er ihrem Werk Leben gebe. Und Jupiter tat es. Als Cura nun diesem lebendigen Wesen einen Namen geben wollte, protestierte Jupiter. Er selbst wollte dieses neue Wesen benennen. Als sie noch über den Namen diskutierten, erhob sich Tellus, die Erdgöttin und meinte, sie dürfe den Namen vergeben, weil sie von sich selbst dafür ein Stück ihres eigenen Leibes gegeben hätte. Da beriefen die Streitparteien Saturn, den Gott des Ackerbaus, darüber zu urteilen. Sein Urteilsspruch war folgender: Jupiter, weil du ihm das Leben gegeben hast, darfst du nach seinem Tod seine Seele zurückfordern. Tellus, weil du von deinem Körper ein Stück gegeben hast, wirst du nach seinem Tod des Menschen seinen Körper zurückerhalten. Cura, die Sorge, weil du den Menschen geformt hast, darfst du ihn ein Leben lang begleiten. Aber bezüglich des Namens gelte: Er soll Homo heißen, denn vom Humus, aus Erde ist er gemacht worden.
Diese Fabel hat uns der römische Schriftsteller Gaius Julius Hyginus aufgeschrieben, der um Christi Geburt gelebt hat. Nach seiner Vorstellung ist der Mensch das Wesen, das ein Leben lang die Sorge nicht los wird. Sich ständig um sich und andere sorgt.
Auch Martin Heidegger, ein deutscher Philosoph des 20. Jh. sagt: Der Mensch ist wesentlich einer, der sich sorgt. In der Welt sein heißt: sich um sich und seine Existenz sorgen, besorgt sein, für sich selbst sorgen. Die Sorge macht den Menschen unruhig und lässt ihn nirgends ausruhen.
Eine recht realistische Sicht, oder eher eine pessimistische Sicht auf den Menschen?
Die Glaubenstradition, die uns in der Bibel bezeugt wird, zeigt einen Ausweg aus dem ruhelosen Sorgen.
Gesegnet der Mensch, der auf den HERRN – auf Adonai - vertraut und dessen Hoffnung der HERR ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und zum Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten…auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge. Jer 17, 7f.
Und Jesus betont in seiner Feldrede bei Lukas (die der Bergpredigt bei Matthäus entspricht): Selig die Armen…, selig, die ihr jetzt hungert…, selig, die ihr jetzt weint… Freut euch und jauchzt an jenem Tag, denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein. Lk 6, 20-23
Die Glaubenszeug:innen, die Prophet:innen und Jesus selbst erinnern uns Menschen an den Schatz, der in unseren Herzen ruht. Es ist das Versprechen: Du bist nicht allein gelassen. Der Grund unseres Lebens, der uns trägt und erhält, der uns am Ende erwartet, den wir mit verschiedenen Bildern beschreiben dürfen. Dieser Grund, der uns wie Vater und Mutter ist, Freund und Geliebte, lebendige Begeisterung und innere Quelle, Lebensfunken nimmt die Sorge von uns und nährt unser Vertrauen. Das macht uns Menschen zum Gegenüber Gottes. Mit Gott sind wir auf du und du. Wir sind nicht bloß ein Stück Lehm, nicht bloß Erdlinge. Wir sind Abbild und Ebenbild Gottes, seine Mitbewohner:innen. Wir gehören Erde und Himmel.
Diese Sehnsucht lebt in uns allen. Beim letzten Vorbereitungsgespräch mit Süleyman für die heutige Aufnahme ins Katechumenat hat er - als ich ihm die Frage aus dem Ritus stellte: Was erbitten Sie von Gott und seiner Kirche? - spontan geantwortet: Glückseligkeit und Ruhe!
Er ist auf einem guten Weg und wir mit ihm. AMEN!