Gott ist Retter!
Jetzt haben wir sie wieder gehört, die Weihnachts-erzählung. Für gewöhnlich weckt sie in uns warme Gefühle. Sie versetzt uns in die besondere Stimmung der Heiligen Nacht. Das Hören ist oft geprägt von verschiedenen Bildern, Darstellungen und von Krippenspielen, die manches entfalten, was gar nicht im Text vorkommt. Der reitende Bote des Kaisers, der die Ankündigung der Volkszählung feierlich entrollt, die bösen Wirte von Betlehem, die Maria und Josef vor die Tür setzen, der Stall mit Ochs und Esel. Nichts davon steht im Text. Manchmal ist es gut ein zweites Mal hinzuhören und hinzuschauen, was wirklich in der Bibel steht und so manche liebgewordene Romantik abzulegen.
Die Erzählung von der Geburt Jesu – so wie sie uns Lukas überliefert – hat einen politischen Zug in sich und der passt ganz gut in das heurige Jahr. Nicht Maria oder Josef werden zuerst erwähnt, auch nicht die Wirte von Betlehem, sondern der starke Mann im Weltreich der Römer: Kaiser Augustus! Und damit alles seine Ordnung hat gleich dazu sein Statthalter vor Ort, Quirinius, der für Syrien zuständig ist. Damals gehörte Israel/Palästina in der römischen Weltordnung zur Provinz Syrien.
Augustus, der sich jetzt als neuer Cäsar – auf Deutsch: Kaiser - in Szene setzt, hat dem jahrelangen Bürgerkrieg in Rom ein Ende gemacht und lässt sich jetzt als Friedensbringer weltweit feiern. Göttliche Ehren sollen ihm von seinen Untertanen entgegen gebracht werden. Der römische Friede, der Friede des Augustus, ist aber kein echter Frieden sondern beruht auf Waffengewalt und bringt Unterdrückung und Ausbeutung.
Im Gegensatz zu diesem starken Mann im Römischen Weltreich agiert der Urgrund allen Seins, der Gott Israels, dessen Namen bedeutet: Ich bin da! ganz anders. Er mischt sich durch ein neugeborenes Kind in das Weltgeschehen ein. Unterwegs wird es geboren, in einer schwierigen Situation für die Mutter und ihren Verlobten. Es braucht besondere Boten Gottes, die klar machen, wer dieses Kind ist: Retter, Christus, der Herr! Das sind genau die Titel, die sich die Könige und Herrscher der damaligen Zeit gerne zu geschrieben haben, auch Augustus! Jetzt aber bekommen sie eine ganz andere und neue Bedeutung. Dieses hilflose ohnmächtige Kind ist Retter, Christus, der göttliche Herr! Und ganz zum Schluss wird noch sein Name genannt: Jesus, Jeschua, oder vollständig Jehoschua. Das bedeutet: Gott ist Retter!
Die Weihnachtserzählung des Lukas ist ein Protest gegen den „allmächtigen“ Kaiser in Rom. Nicht er bringt den Frieden, sondern der jüdische Messias, Jesus von Nazareth.
Nach einem Superwahljahr 2024, in dem viele starke Männer sich großspurig als neue Retter und Friedensbringer ins Spiel bringen, tut diese Botschaft der Heiligen Nacht gut. Letztlich bringen nicht alte Kaiser oder neue Präsidenten das Heil, sondern der Gott, der es vorzieht auf ein wehrloses Neugeborenes zu setzen und auf uns. Wir als Getaufte, als Christinnen und Christen gehören zu diesem Jesus Christus. Er hat uns berufen, in den kleinen und großen Gemeinden der Kirche ein Netzwerk von Friedensorten rund um die Welt zu stiften. Wir feiern diese Nacht als Selbstvergewisserung unserer Berufung. Gott hat uns erwählt, damit er menschlich heute zu den Menschen sprechen und heilsam den Frieden verwirklichen kann. Denken wir nicht zu klein von uns. Wenn Jesus der Retter da ist, dann sind wir seine Verbündeten und Vertrauten, damit sein Reich heute Hand und Fuß bekommen. AMEN!