Das Messbuch

Predigt am 17. Sonntag im Jahreskreis

Welche drei Bücher würdest du auf eine Insel mitnehmen? Wenn mich jemand so fragt, könnte ich mich schwer entscheiden. Aber als Priester kann ich wohl dieses Buch hier nicht zu Hause lassen: das Messbuch. Darin stehen die Gebete der Messe für die verschiedenen Tage und Feiern.

Was wir sonst in der Messe verwenden – Brot und Wein und Wasser, Kelch und Schale, Kerzen und Glocken und auch das Evangelienbuch –, hat alles symbolische Bedeutung. Nur das Messbuch hat einen nüchternen praktischen Zweck. Seine Botschaft ist vor allem: Der Kaplan kann sich die nötigen Gebete nicht auswendig merken. Dafür ist reicht sein Gedächtnis nicht. Daher müssen die Ministranten, die das Messbuch halten, besonders vertrauenswürdig sein. Sie könnten mich blamieren, wenn sie mir das Messbuch aus Unaufmerksamkeit oder mit Absicht vorenthalten.

Zugleich sagt das Messbuch auch: Wie der Kaplan sich die Gebete nicht merken kann, so kann er auch keine passenden Gebete aus dem Augenblick heraus erfinden. Selbst wenn es bei einer besonderen Gelegenheit gelingt, geht es zumindest auf die Dauer nicht gut: Man würde auf die immer gleichen Themen und in die immer gleichen Phrasen verfallen. Das Messbuch dient auch der Abwechslung und Ausgewogenheit.

Bei manchen Menschen hat das Messbuch einen schlechten Ruf. Es spricht, obwohl es deutsch und nicht mehr nur lateinisch geschrieben ist, eine alte Sprache. Die meisten Gebete kann man immer und überall beten; sie haben wenig mit unseren aktuellen Freuden und Sorgen zu tun.

Jesus kannte das Gebet, das in freien Worten aus dem Herzen fließt, und auch seine Jünger kannten es. Trotzdem hat er ihnen auch feste Gebetsworte gegeben, das Vater unser. Beides hat seinen Platz im christlichen Leben und in der Messe, freie Worte und altehrwürdige Vorgaben. Aus dem Messbuch nehmen wir die Gebete, wie sie die Kirche an verschiedenen Orten seit langer Zeit betet. Was uns gerade beschäftigt, sagen wir Gott in den Fürbitten durchaus auch in moderner Sprache. Es ist nicht gut, wenn man Fürbitten ständig aus demselben Fürbittbuch nimmt, das mit der Zeit immer älter und altmodischer wird. Aber ich möchte auch nicht das Messbuch wegräumen und es durch eine Mappe mit selbsterfundenen Gebeten ersetzen. Ich bin nicht klüger als all jene, die Gebete geschrieben und für das Messbuch ausgewählt haben.

Wenn die Gebete aus dem Messbuch nichtssagend und altmodisch klingen und viele nicht ansprechen, dann liegt darin auch etwas Schönes: Denn mit den gleichen Worten beten die Katholiken in fast allen Kirchen, wo man deutsch spricht. Zumindest dem Sinn nach beten sie so auch auf der ganzen Welt in den verschiedenen Sprachen. So haben schon Generationen vor uns gebetet, und so werden noch Generationen nach uns beten. Wir sind eine große Gemeinschaft des Gebets. Wir beten das Gebet der Kirche. Es geht um die großen und entscheidenden Anliegen, nicht nur um die Sorgen, die uns heute so wichtig sind, aber schon bald von neuen Sorgen verdrängt werden.

Das Messbuch sagt also, dass sich der Kaplan die nötigen Gebete nicht merken kann. Nur ganz wenige Gebete kann ich auswendig. Trotzdem schaue ich auch bei ihnen ins Buch. Ob ich mir ein Gebet merke oder nicht, wäre höchstens für meine Eitelkeit wichtig. Aber dass ich nicht meine Worte, Gedanken und Anliegen bete, sondern die der Kirche, das sollen alle sehen; und das können auch alle sehen, denn das zeigt das Messbuch.

Hubert Schröcker



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